Die Kraft des Trotzdem | Mit Tilmann Haberer

Es ist, wie es ist. Na und?

Wie kann ein Mensch angesichts einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu einer solchen Haltung finden? Ist das Gleichgültigkeit, Resignation oder Ausdruck eines tiefen Vertrauens in das Leben?

Mein Gast Tilmann Haberer ist Theologe, Pfarrer, Übersetzer und Autor. Als bei ihm überraschend eine akute Leukämie diagnostiziert wird, ist das zunächst ein Schock. Doch bald entdeckt er in sich eine Gelassenheit, die ihn selbst überrascht.

„Ich hatte keine Panik.“

Und sogar angesichts der Möglichkeit seines eigenen Todes kann er sagen:

„Wenn ich jetzt sterbe, dann sterbe ich.“

Was mich daran besonders interessiert: Tilmann entwickelt nicht zuerst eine Theologie, mit deren Hilfe er seine Krankheit bewältigt. Vielmehr und findet er in dieser existenziellen Krise einer Haltung, deren Bedeutung er erst im Nachhinein zu verstehen beginnt. Die Erfahrung ist zuerst da. Die Begriffe folgen ihr.

In seinem Buch Die Kraft des Trotzdem. Wie man weitermacht, auch wenn's schwierig wird geht Tilmann den Quellen dieser Zuversicht nach und entfaltet aus seiner persönlichen Erfahrung eine Haltung, deren Bausteine auch angesichts der Krisen unserer Zeit tragen.

Zwischen Demut und Selbstwirksamkeit

Im weiteren Verlauf unseres Gesprächs beschäftigt uns deshalb die Frage, was es eigentlich bedeutet, die Wirklichkeit anzunehmen.

Denn zwischen Gelassenheit und Resignation liegt ein entscheidender Unterschied. Die eigenen Grenzen anzuerkennen bedeutet nicht, die eigene Handlungsfähigkeit aufzugeben. Und umgekehrt bedeutet Selbstwirksamkeit nicht, dass wir alles aus eigener Kraft bewältigen müssten.

Im Gespräch finden wir dafür eine zunächst widersprüchlich klingende Formulierung:

„Ja, ich habe eine demütige Erfahrung der Selbstwirksamkeit.“

Und Tilmann ergänzt:

„Oder eine selbstwirksame Demut.“

In dieser Spannung liegt für mich der Schlüssel zu seiner Zuversicht. Demut bewahrt uns vor der Illusion, alles kontrollieren zu können. Selbstwirksamkeit bewahrt uns davor, angesichts unserer Grenzen zu resignieren. Tilmann beschreibt diese Spannung auch im Verhältnis zwischen dem Einzelnen und einem größeren Ganzen:

„Ohne diesen Teil wäre das Ganze nicht vollständig. Insofern bin ich wichtig.“

Und zugleich:

„aber ohne das Ganze wäre ich gar nichts“

Focusing und die Wahrhaftigkeit des Erlebens

Hier berührt unser Gespräch einen Gedanken, der für mich zum Kern von Focusing gehört: Wirkliche Veränderung beginnt nicht damit, dass wir uns einreden, die Dinge müssten anders sein. Sie beginnt mit der Bereitschaft, wahrzunehmen, was tatsächlich da ist.

Annahme ist keine Kapitulation vor der Wirklichkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, ihr auf eine neue Weise begegnen zu können.

Im Focusing vertrauen wir darauf, dass unser gegenwärtiges Erleben mehr enthält, als wir bereits wissen oder begrifflich erfassen können. Gerade dort, wo wir keine Lösung sehen, kann sich eine neue Möglichkeit andeuten. Nicht weil wir sie erzwingen, sondern weil wir bereit sind, dem noch Unfertigen Raum zu geben.

Auch Tilmanns seelsorgerliche Haltung ist davon geprägt. Statt Menschen vorschnell mit Antworten, Ratschlägen oder religiösen Gewissheiten zu begegnen, geht es ihm zunächst darum, wahrzunehmen, was sich im Gegenüber zeigt.

„Ich würde in dem Fall als allererstes Mal zuhören!“

Hier wird deutlich, wie eng für Tilmann leibliches Erleben und Spiritualität zusammengehören. Sie sind keine voneinander getrennten Welten. Das Geistige steht nicht über dem Leiblichen, sondern gewinnt gerade in der konkreten Erfahrung des Menschen Gestalt.

Die Kraft des Trotzdem

Von hier aus öffnet sich unser Gespräch zu Tilmanns Integraler Theologie, einem zentralen Projekt seines theologischen Denkens. Sie ist für ihn keine Abkehr vom Christentum, sondern der Versuch, den eigenen Glauben weiterzuentwickeln und seine überlieferten Begriffe im Horizont heutiger Erfahrungen neu zu verstehen. Dabei geht es nicht darum, Unterschiede zwischen religiösen Traditionen einzuebnen, sondern sie in ihrer Eigenständigkeit ernst zu nehmen und zugleich nach ihrem inhärenten Zusammenhang zu fragen. Nicht die Auflösung der Gegensätze ist das Ziel, sondern ein umfassenderes Verständnis, in dem die Unterschiede und Verschiendenheiten miteinander in Beziehung treten können.

Was für unterschiedliche religiöse Traditionen gilt, gilt auch für die Widersprüche unseres eigenen Lebens: Wir sind abhängig und wirksam, verletzlich und schöpferisch, begrenzt und dennoch offen für Möglichkeiten, die wir noch nicht kennen.

Die Zuversicht ist die Haltung, die diese Gegensätze miteinander verbindet.

Sie verspricht nicht, dass alles gut ausgehen wird. Sie verlangt auch nicht, die Wirklichkeit schönzureden. Ihre Kraft liegt vielmehr in einem Trotzdem, das die Grenzen des eigenen Lebens anerkennt, ohne sie für das letzte Wort zu halten.

Das Trotzdem setzt ein Ja voraus. Ein Ja zu dem, was ist. Aber kein Ja zu der Vorstellung, dass damit bereits alles entschieden sei.

Tilmann bringt diese Haltung auf eine wunderbar knappe Formel:

„Ja, da kann man nichts machen, oder? Es ist wie es ist, jetzt, lass uns was machen!“

Darin liegt für mich auch eine Antwort auf die Frage, wie wir angesichts persönlicher und gesellschaftlicher Krisen handlungsfähig bleiben können. Nicht durch die Gewissheit, dass unsere Pläne aufgehen, sondern durch das Vertrauen, dass die Wirklichkeit noch nicht auf das festgelegt ist, was wir gegenwärtig von ihr verstehen.

Oder, wie Tilmann es ausdrückt:

„Es ist immer mehr möglich, als wir fatalistischerweise zu denken gewohnt sind.“


Mehr über Tilmann Haberer

Tilmann Haberer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Weiterentwicklung christlicher Spiritualität und Theologie. Zu seinen Büchern gehören Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird (gemeinsam mit Marion und Tiki Küstenmacher), Von der Anmut der Welt. Entwurf einer integralen Theologie und Kirche am Ende. 16 Anfänge für das Christsein von morgen. Sein Buch Die Kraft des Trotzdem. Wie man weitermacht, auch wenn's schwierig wird widmet sich der Zuversicht angesichts persönlicher und gesellschaftlicher Krisen.

Weitere Informationen über Tilmann, seine Bücher und Veranstaltungen findet Ihr auf seiner Homepage: www.tilmann-haberer.de.

Add a Comment

Your email address will not be published.