Verstehen statt Bewerten | Mit Anselm Grün

Was geschieht, wenn Worte ihre Verbindung zur Erfahrung verlieren?

Diese Frage begleitet mich schon lange. Vielleicht deshalb hat mich das Gespräch mit Anselm Grün so berührt. Immer wieder kehren wir zu derselben Einsicht zurück: Spirituelle Traditionen leben nicht zuerst von ihren Begriffen oder Dogmen, sondern von den Erfahrungen, denen sie Ausdruck verleihen.

Mein Gast ist der Benediktinerpater Anselm Grün aus der Abtei Münsterschwarzach. Er hat in Dogmatik promoviert und gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten spirituellen Autoren des deutschsprachigen Raums. Umso bemerkenswerter ist, dass sich unser Gespräch kaum um Dogmen dreht. Immer wieder stellt Anselm dieselbe Frage:

„Ich erlebe das, wenn ich rein religiöse Bücher lese. Dann denke ich: Ja, das klingt schön, aber was ist die Erfahrung dahinter?“

In seinen eigenen Büchern geht Anselm deshalb immer von der Erfahrung aus. Dürfte er nur eines seiner Bücher empfehlen, so wäre es "Von der Kunst, Leere in Fülle zu verwandeln". Daneben findet ihr zwei Bücher, die mir besonders lieb sind:

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Von hier aus entfaltet sich ein Gespräch über Erfahrung und Sprache, über Symbole und Tradition und über die Frage, wie Menschen heute einen Zugang zu spirituellen Erfahrungen finden können.

Dabei wird zugleich deutlich, wie tief Anselm in der christlichen Tradition beheimatet ist. Seine Offenheit gegenüber anderen spirituellen Wegen entsteht nicht trotz, sondern gerade aus dieser Verwurzelung. Immer wieder beschreibt er das Christentum als einen Weg der inneren Wandlung:

„Für mich ist Verwandlung der christliche Weg.“

Im weiteren Verlauf unseres Gesprächs sprechen wir über zwei Bilder, die Anselm seit vielen Jahren begleiten: das wahre Selbst und den heiligen Raum im Menschen. Für ihn sind es keine abstrakten theologischen Begriffe, sondern Beschreibungen einer Erfahrung. Einer Erfahrung, die unterhalb unserer Verletzungen, Rollen und Selbstbilder liegt und in unterschiedlichen Traditionen unterschiedliche Namen tragen kann.

Beim Zuhören drängte sich mir die Frage auf, ob das wahre Selbst, der heilige Raum oder Gendlins implizites Erleben unterschiedliche Sprachen für eine Wirklichkeit sind, die größer ist als jede einzelne ihrer Beschreibungen.

Anselm bringt diese Offenheit in einem Satz auf den Punkt:

„Es geht immer um den Ausdruck des Geheimnisses, das größer ist als alle unsere Sprachen.“

Gerade darin sehe ich die Kraft lebendiger Traditionen: nicht Erfahrungen festzuschreiben, sondern ihnen eine Sprache zu geben, die Menschen über Generationen hinweg miteinander verbindet.

Diese Perspektive eröffnet zugleich einen überraschend offenen Blick auf andere Religionen und spirituelle Wege:

„Wenn man den Weg der Erfahrung geht, dann können sich Moslems, Buddhisten, Christen, Juden in der Tiefe gut verstehen.“

Mich beschäftigt dabei die Frage, ob dieselbe Erfahrung auch andere Ausdrucksformen finden kann. Kann Focusing eine solche Sprache sein? Können Menschen Erfahrungen machen, die religiöse Traditionen seit Jahrhunderten beschreiben, ohne selbst religiös sozialisiert zu sein? Und was geschieht, wenn sich Erfahrung und überlieferte Symbole gegenseitig erschließen?

An einer Stelle unseres Gesprächs sagt Anselm:

„Eigentlich ist die Frage nach dem Ich, eine Frage auch nach Gott.“

Die tiefen Fragen des Menschseins entscheiden sich nicht an der Grenze zwischen religiöser und säkularer Weltanschauung, sondern an der Bereitschaft, vom eigenen Erleben auszugehen, der eigenen Erfahrung zu vertrauen und eine eigene Sprache für sie zu finden.

Zum Schluss spricht Anselm über den Weg der Verwandlung und über das, was ihn seit Jahrzehnten trägt:

„Für mich ist der wichtigste Weg der Verwandlung der Dialog mit Menschen: Verstehen statt Bewerten!“

Ein persönlicher Hinweis: Leider hat uns die Aufnahmesituation in der Abtei Münsterschwarzach technisch mehr herausgefordert als erwartet. Trotz intensiver Nachbearbeitung konnten wir die Tonqualität nicht ganz auf das Niveau der übrigen Folgen bringen. Ich hoffe dennoch, dass Ihr Euch auf dieses Gespräch einlasst. Ich glaube, es lohnt sich.ntsteht oder ob die Beziehung vielleicht selbst schon Ausdruck eines tieferen Prozesses ist.

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