Die Seele zwischen Traum und Klimakrise | Mit Teresa Dawson

Was haben unsere Träume mit der Klimakrise zu tun?
Auf den ersten Blick vermutlich nicht viel. Der Traum scheint zum Innersten des Menschen zu gehören, die Klimakrise dagegen zu jener äußeren Wirklichkeit, die uns mit wissenschaftlichen Daten, politischen Auseinandersetzungen und ganz konkreten Veränderungen unserer Lebenswelt begegnet.
Im Gespräch mit Teresa Dawson wird diese Trennung zunehmend fragwürdig. Denn wenn wir als Menschen nicht unabhängig von unserer Umwelt existieren, warum sollte ausgerechnet unser Seelenleben an den Grenzen des Individuums enden?
Teresa ist als Therapeutin und Aktivistin tätig. Neben ihrer eigenen psychotherapeutischen Praxis ist Teresa Gründerin des Klimacafés Zürich und Mitglied der Psychologists for Future Schweiz. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit Träumen und Focusing. Dabei interessiert sie besonders ein Thema, das unser gewohntes Verständnis des Traums als persönliches Seelenleben überschreitet:
„die kollektiven Informationen in individuellen Träumen.“
Denn weshalb sollten wir im Traum plötzlich von jener Welt getrennt sein, mit der wir im Wachleben unauflöslich verbunden sind?
„Warum sollten wir es in den Träumen sein? Das macht irgendwie keinen Sinn.“
Wer träumt eigentlich?
Je länger wir über Träume sprechen, desto grundsätzlicher wird deshalb unsere Frage. Nicht nur: Was bedeutet mein Traum? Sondern: Wer bin ich eigentlich als Träumende oder Träumender?
Teresa formuliert diese Frage selbst:
„Wer bin ich als Träumende?“
Und ihre Antwort stellt die gewohnten Verhältnisse auf den Kopf: Nicht unser Alltags-Bewusstsein ist für Teresa das große, sondern unser tieferes Traum-Bewusstsein:
„Für mich ist es umgekehrt: Für mich sind wir als Träumende die große Figur. Und in unserem physischen Alltag sind wir in einer begrenzten Existenz.“
Vielleicht ist der Traum dann gar nicht bloß eine nächtliche Veranstaltung unseres Alltags-Ichs. Vielleicht begegnen uns dort Dimensionen unseres Erlebens, die über dieses Ich hinausreichen.
Teresa ist dabei bemerkenswert zurückhaltend gegenüber vorschnellen Erklärungen. Sie möchte aus solchen Erfahrungen kein metaphysisches System machen. Gerade der Traum erlaubt ihr, etwas zunächst einfach als Erfahrung stehen zu lassen:
„Es braucht dann kein äußeres Glaubenssystem.“
„Sondern es ist dein eigenes Erleben. Und das kannst du dir selber nicht mal absprechen.“
Hier entfaltet Focusing seine ganz eigene Stärke. Es beginnt beim individuellen Erleben, aber es schließt uns nicht darin ein. Im Gegenteil: Indem wir dem Felt Sense folgen, müssen wir unser Erleben nicht vorschnell einem Begriff, einer Theorie oder einem Glaubenssystem unterwerfen. Wir können ihm eine eigene Wahrhaftigkeit zugestehen, die weiter reicht als jedes abstrakte System. Was sich zeigt, muss nicht schon in unsere Vorstellungen von Wirklichkeit passen. Es darf diese Vorstellungen auch verändern.
Das Individuum ist dabei Ausgangspunkt, nicht Endpunkt. Wir beginnen bei meinem Erleben, ohne deshalb behaupten zu müssen, dass das, was sich darin zeigt, auch nur mir gehört.
Von der Innenwelt zur Umwelt
Von hier führt unser Gespräch schließlich zur Klimakrise. Der Übergang ist weniger überraschend, als er zunächst erscheint.
Denn wenn unser Erleben nicht an unserer Haut endet, verändert sich auch die Frage danach, wie wir uns zur natürlichen Welt verhalten.
Über die Klimakrise wissen wir inzwischen viel. Doch Wissen allein scheint nicht auszureichen:
„Da haben wir Fakten. Da haben wir die Wissenschaft. Aber es ist zu abstrakt.“
Teresa interessiert deshalb weniger, wie Menschen durch noch mehr Information oder moralischen Druck zu einem anderen Verhalten bewegt werden können. Sie fragt nach der erlebten Beziehung, aus der ein solches Handeln entstehen könnte:
„Aus Angst handelst du nicht anders! Und aus Druck auch nicht. Wo ist die Liebe, oder?“
Und dann wird diese Liebe ganz konkret:
„Wohin führt deine Liebe? in die Umwelt? Sind's die Bäume? Sind's die Tiere? Ist es die frische Luft? Ist es das Wasser?“
Genau hier treffen sich Traum und Klimakrise. Je kleiner der Radius unserer Liebe, desto enger wird die Welt, mit der wir uns verbunden fühlen. Was jenseits dieses Radius liegt, wird leicht zur bloßen Ressource: Tiere, Pflanzen, Wasser, Boden, Atmosphäre.
Die ökologische Krise zwingt uns deshalb auch, den Anthropozentrismus unseres Denkens zu überwinden. Solange nur der Mensch im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht, bleibt selbst unser gemeinschaftliches Handeln kollektiv selbstbezogen. Teresas Frage „Wo ist die Liebe?“ zielt also tiefer. Sie fragt danach, ob wir die mehr-als-menschliche Welt wieder als etwas erfahren können, mit dem wir verbunden sind und das nicht nur um Unseren Willens, sondern um seiner selbst Willen Bedeutung besitzt.
Der Weg nach außen führt damit eigentümlicherweise nach innen. Nicht weil die Klimakrise nicht auch ein psychologisches Problem wäre, sondern weil unser Verhältnis zur Welt auch davon abhängt, wie weit unser Erleben reicht. Focusing kann helfen, diesen Radius zu erweitern: vom Ich zum Wir und vom menschlichen Wir zu jenem größeren Lebenszusammenhang, dessen Teil wir sind.
Wie lebt sich das Leben durch mich?
Am Ende unseres Gesprächs frage ich Teresa nach ihrem Verhältnis zur Spiritualität. Ihre Antwort könnte kaum schlichter sein:
„Für mich ist es das Leben.“
Damit schließt sich für mich ein Kreis, der bereits viel früher im Gespräch begonnen hat. Denn immer wieder begegnet uns bei Teresa die Vorstellung eines Lebens, das größer ist als unsere Pläne und Vorstellungen und dennoch ganz konkret durch uns Gestalt gewinnt.
„Aber das Leben soll sich durch uns ausdrücken dürfen!“
Damit verändert sich auch die Frage, die wir gewöhnlich an uns selbst richten. Nicht nur: Was will ich aus meinem Leben machen? Sondern:
„Wie lebt sich das Leben durch mich?“
Diese Frage führt vom Traum bis zur Klimakrise. Sie führt nach innen und gerade dadurch über die Vorstellung eines abgeschlossenen Innen hinaus. Das eigene Erleben wird nicht zum Rückzugsraum eines privaten Ichs, sondern zum Ausgangspunkt einer Beziehung zur Welt.
Darin liegt für mich eine der großen Möglichkeiten von Focusing: dem eigenen Erleben so weit zu vertrauen, dass wir darin auch dem begegnen können, was über uns hinausweist. Nicht gegen Wissenschaft und nicht anstelle des Denkens, sondern dort, wo abstraktes Wissen allein unser Verhältnis zur Welt nicht zu verwandeln vermag.
Teresa sagt gegen Ende unseres Gesprächs:
„Ich weiß nur, dass ich eine tiefe Überzeugung habe. Das Leben geht sowieso weiter.“
Und fügt hinzu:
„Und wir mit.“
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